Es klingt vielleicht nach etwas ganz Einfachem. Etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: sein eigenes Leben zu lieben. Aber je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass genau das manchmal eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt ist. Denn so oft leben wir mit dem Gefühl, dass unser eigentliches Leben noch gar nicht begonnen hat. Wir warten auf den richtigen Moment, auf den richtigen Menschen, auf den Erfolg, auf die Veränderung, auf den Tag, an dem endlich alles leichter wird. Auf den Moment, in dem wir sagen können: „Jetzt bin ich angekommen.“ Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch. Du hast Träume, Ziele und Wünsche. Du hast eine Vorstellung davon, wie dein Leben irgendwann einmal aussehen soll. Und tief in dir glaubst du vielleicht: Wenn ich das erst erreicht habe, werde ich glücklich sein. Wenn sich diese eine Sache verändert, wird alles besser. Wenn ich endlich dort bin, wo ich sein möchte, kann ich mein Leben wirklich genießen. Und während wir darauf warten, dass dieses Leben endlich beginnt, übersehen wir manchmal das Leben, das längst da ist. Unser Leben passiert nicht irgendwann. Es passiert genau jetzt.
Ich glaube, lange Zeit habe ich gedacht, dass ich mein Leben erst dann wirklich lieben könnte, wenn alles so aussieht, wie ich es mir vorgestellt habe. Wenn ich meine Ziele erreicht habe. Wenn ich genau weiß, wohin ich möchte. Wenn die Zweifel verschwunden sind. Wenn sich alles richtig anfühlt. Wenn ich endlich dieses Gefühl von „angekommen sein“ spüre. Aber irgendwann habe ich verstanden, dass dieser perfekte Moment vielleicht niemals kommt. Denn kaum haben wir etwas erreicht, wartet meistens schon das nächste Ziel auf uns. Kaum geht ein Wunsch in Erfüllung, entsteht vielleicht schon der nächste. Und wenn wir unser Glück ständig in die Zukunft verschieben, können wir Jahre damit verbringen, auf etwas zu warten, das wir vielleicht nie als „genug“ empfinden werden. Vielleicht müssen wir nicht erst ein anderes Leben führen, um unser Leben zu lieben. Vielleicht müssen wir anfangen, dieses hier zu sehen.
Mit all seinen offenen Fragen. Mit den Dingen, die noch nicht funktionieren. Mit den Plänen, die sich verzögern. Mit den Träumen, die noch weit entfernt sind. Vielleicht darf unser Leben auch jetzt schon schön sein. Nicht perfekt. Aber echt. Ein ruhiger Morgen. Ein Gespräch mit einem Menschen, bei dem wir ganz wir selbst sein können. Ein Lachen, das einfach passiert. Ein Lied, das uns plötzlich mitten ins Herz trifft. Ein Sonnenuntergang, bei dem wir für einen Moment vergessen, was uns eigentlich beschäftigt. Eine Umarmung, die länger bleibt als die Worte. Ein Abend, an dem wir endlich zur Ruhe kommen. Diese Momente wirken oft so klein, dass wir sie kaum bemerken. Und vielleicht sind es genau diese kleinen Momente, aus denen am Ende ein ganzes Leben besteht. Vielleicht ist ein schönes Leben gar nicht das Leben, auf das wir jahrelang sehnsüchtig gewartet haben. Vielleicht ist es das Leben zwischen all unseren großen Plänen. Das Leben, das passiert, während wir noch unterwegs sind.
Und vielleicht kennst du das auch: Du wartest auf etwas Großes und übersiehst dabei all die kleinen Dinge, die dein Leben längst lebenswert machen. Ich möchte das nicht mehr. Natürlich gibt es Dinge, die ich verändern möchte. Ich habe Wünsche, Ziele und Träume. Es gibt Orte, die ich sehen möchte, Dinge, die ich erleben möchte, Menschen, die ich treffen möchte, und eine Zukunft, auf die ich mich freue. Aber ich habe langsam verstanden, dass mein Leben zu lieben nicht bedeutet, keine Sehnsucht mehr zu haben. Ich darf mir mehr wünschen und trotzdem dankbar für das sein, was heute da ist. Ich darf mich auf meine Zukunft freuen und trotzdem meine Gegenwart festhalten. Ich darf wachsen und trotzdem die Person lieben, die ich heute bin. Ich darf mich verändern wollen, ohne mir einzureden, dass mein jetziges Leben nicht gut genug ist. Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Lektionen im Leben: zu verstehen, dass Dankbarkeit und Sehnsucht nebeneinander existieren dürfen.
Wir machen uns so oft selbst so viel Druck. Wir schauen auf Menschen, die scheinbar weiter sind als wir. Menschen, die genau wissen, was sie wollen. Menschen, deren Leben von außen perfekt aussieht. Und plötzlich betrachten wir unser eigenes Leben nur noch durch die Dinge, die uns fehlen. Aber ich möchte mein ganzes Leben nicht damit verbringen, auf die nächste Version von mir zu warten. Ich möchte nicht irgendwann zurückblicken und feststellen, dass ich so sehr damit beschäftigt war, jemand anderes zu werden, dass ich vergessen habe, die Person zu lieben, die ich bereits war. Denn auch diese Zeit ist mein Leben. Nicht nur die Zukunft. Nicht nur die großen Erfolge. Nicht nur die Tage, an denen alles funktioniert. Auch diese Tage. Die unsicheren. Die chaotischen. Die leisen. Die schweren. Die wunderschönen. Die Tage, an denen wir keine Antworten haben. Die Tage, an denen wir zweifeln. Die Tage, an denen wir nicht wissen, ob wir gerade überhaupt in die richtige Richtung laufen. Auch sie gehören zu unserer Geschichte.
Ich lerne gerade, dass ein Leben nicht spektakulär sein muss, um wertvoll zu sein. Nicht jeder Tag muss besonders sein. Nicht jeder Moment muss perfekt sein. Nicht alles muss einen großen Sinn haben. Manchmal ist ein gutes Leben einfach ein Leben, in dem wir uns selbst wiederfinden. Ein Leben, in dem wir nicht ständig davon träumen, jemand anderes zu sein. Ein Leben, in dem wir nicht dauernd das Gefühl haben, irgendwo anders sein zu müssen. Ein Leben, in dem wir irgendwann stehen bleiben und erkennen: Vielleicht ist das, was ich so lange gesucht habe, gar nicht irgendwo da draußen. Vielleicht war es die ganze Zeit hier. In diesem Moment. In diesem Leben. In mir.
Ich bin noch nicht an dem Punkt, an dem ich alles weiß. Und vielleicht werde ich das auch niemals sein. Ich habe noch Fragen. Ich habe Ängste. Ich habe Tage, an denen ich ungeduldig bin und mir wünsche, schon weiter zu sein. Aber vielleicht müssen wir auch gar nicht alles wissen. Vielleicht geht es nicht darum, ein perfektes Leben aufzubauen. Vielleicht geht es darum, langsam zu lernen, das Leben zu lieben, das wir gerade leben. Nicht irgendwann. Nicht wenn alles besser ist. Nicht wenn alle Fragen beantwortet sind. Sondern jetzt.
Denn dieses Leben – mit all seinen unperfekten, schönen, chaotischen und stillen Momenten – ist nicht die Wartezeit auf unser eigentliches Leben. Das hier ist es. Dieser Morgen. Dieser Mensch neben uns. Dieses Lachen. Diese Träne. Dieser Neuanfang. Dieser kleine Erfolg, den vielleicht niemand außer uns bemerkt. Diese Version von uns, die noch nicht alles geschafft hat, aber trotzdem jeden Tag weitermacht. Vielleicht ist es an der Zeit, aufzuhören, ständig auf ein anderes Leben zu warten. Vielleicht ist es an der Zeit, sich umzusehen. Wirklich hinzusehen. Und zu erkennen: Wir sind schon mittendrin.
Vielleicht müssen wir nicht erst irgendwo ankommen, um glücklich zu sein. Vielleicht dürfen wir auch auf dem Weg glücklich sein. Vielleicht dürfen wir uns nach mehr sehnen und trotzdem lieben, was gerade da ist. Vielleicht dürfen wir unser Leben verändern und es gleichzeitig wertschätzen. Und vielleicht ist Erwachsenwerden nicht der Moment, in dem wir endlich alle Antworten haben. Vielleicht ist es der Moment, in dem wir aufhören, darauf zu warten. Der Moment, in dem wir begreifen: Ich muss nicht erst jemand anderes werden, um mein eigenes Leben lieben zu dürfen. Ich muss nicht perfekter werden. Ich muss nicht weiter sein. Ich muss nicht alles erreicht haben. Ich muss nicht wissen, was morgen kommt. Ich darf heute schon glücklich sein. Mit dem, was ist. Mit dem, was fehlt. Mit dem, was noch kommt. Mit allem, was ich noch nicht verstehe. Mit meinen Träumen und meinen Zweifeln. Mit meinen Fehlern und meinen kleinen Erfolgen. Mit meiner Vergangenheit. Mit meiner Zukunft. Und vor allem: mit mir selbst.
Ich lerne gerade nicht, das perfekte Leben zu führen. Ich lerne gerade, mein eigenes Leben zu lieben. Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Reisen, die wir überhaupt machen können. Nicht irgendwann. Nicht später. Nicht wenn alles perfekt ist. Sondern hier. Heute. In unserem eigenen, echten, unperfekten Leben.
Love,
Joanna ♡